Systemische Betrachtung der Welt
Was ist ein System?
© Dr. Iris Oltman, OPUS 1 GmbH, Bonn, April 2005

Was bedeutet "systemisch"?

Der Begriff "systemisch" hat sich übergreifend in allen Wissenschaftsbereichen etabliert.  Es verkürzt das sperrige Wort "systemtheoretisch" und bezeichnet eine bestimmte Herangehensweise an das Verstehen und Interpretieren von Wirklichkeit. Erste systemische Denk- und Erklärungsansätze entstanden bereits vor Jahrzehnten.  Wirklich durchgesetzt hat sich die systemische Betrachtung aber erst in den letzten 10 Jahren zunehmend.

Als "systemisch" werden solche Modelle und Erklärungsversuche bezeichnet, die einen umfassenden, manchmal auch "ganzheitlich" genannten Blick auf das zu Erklärende werfen.  Die Wirklichkeit wird nicht mehr zu verstehen gesucht, indem sie in immer kleinere Einheiten geteilt und analysiert wird. Vielmehr werden die verschiedenen Analysebestandteile in ihrem Zusammenwirken, also synthesebildend betrachtet. Zu erkennen sind so die vielfältigen Formen gegenseitiger Beeinflussung, die bei der Betrachtung von Einzelphänomenen unbemerkt bleiben. 

Was ist ein System?

Der Begriff "System" beschreibt komplexe, dynamische Gebilde.  Er bezieht sich auf natürliche Systeme wie das Klima, das Herz-Kreislaufsystem oder das Immunsystem, aber auch auf komplexe Maschinen wie Computersysteme. "Komplex" werden Systeme genannt, wenn ihre Teile miteinander in sich verändernden Wechselbeziehungen stehen und es einen ebenso dynamischen Austausch zwischen dem System und seiner Umwelt gibt.  In diesen Fällen spricht man von "offenen Systemen".

Ein Beispiel:  der Wald

1. Perspektive:  das Bild des Systems (das Ganze)

  • Der Wald liegt da neben einem Dorf, ein kleiner Fluss läuft durch eine seiner Ecken, sonst begrenzen ihn Weizenfelder. Der Wald ist eingebettet in eine Umwelt, buchstäblich eingebettet in die Atmosphäre und in die Erde, aus der er wächst. Aus der 1. Perspektive sehen wir den Wald als Ganzes.
  • 2. Perspektive:  die Struktur des Systems (die Ordnung)
  • Der Wald besteht natürlich nicht nur aus Bäumen. Wenn wir näher schauen, sehen wir eine Vielzahl von Elementen, aus denen der Wald besteht. Die Pflanzen und Tiere, die Erde und der Teil des Flusses, der hier fließt, dieses sind die Elemente des Waldes. Die 2. Perspektive zeigt uns den Wald als eine geordnete Lebewesengemeinschaft.
  • 3. Perspektive:  gegenseitiger Austausch (die Prozesse)
  • Es sind aber nicht seine verschiedenen Elementen, statisch beobachtet,  die den Wald ausmachen. Seine Elemente stehen im Austausch miteinander: nutzen, fressen, wärmen, schützen und füttern sich. Das Zusammenspiel der verschiedenen Elemente des Waldes ist ständig in Entwicklung. Der Wald ist im Gleichgewicht, wenn im Zusammenwirken seiner Bestandteile ein Geben und Nehmen, ein Fressen und Gefressenwerden entsteht.  Die dritte Perspektive zeigt die Prozesse des Lebens im Wald.
  • 4. Perspektive:  die Beiträge des Einzelnen (die Aktivitäten)
  • Es ist natürlich auch möglich genau zu untersuchen, welche Rolle die einzelnen Lebewesen im Wald spielen, um das Gleichgewicht aufrechtzuerhalten.  Wir können beobachten, messen und protokollieren, wer isst wen, wer tauscht mit wem welche Parasiten aus usw. So lernen wir die Einzelbeiträge der verschieden Arten und was alle Einzelnen für sich selbst und füreinander tun, um einen Wald zu produzieren und am Leben zu erhalten.
  • 5. Perspektive:  die einzelnen Subsysteme selbst (die Biologie)
  • Systemische Organisationsentwicklung
  • In der systemischen Organisationsentwicklung werden Organisationen als lebendige Systeme gesehen, bei denen – ebenso wie beim Wald – die Betrachtung der Einzelteile andere Informationen erzeugt, als die Betrachtung des Ganzen in seinem Zusammenwirken. Auch Organisationen bestehen aus Elementen, den Mitarbeitern z.B. und es können auch hier Subsysteme, also kleinere Einheiten, wie z.B. das Finanzsystem, betrachtet werden. Organisationen leben, wie der Wald, in einer Umwelt. Im diesem Fall ist das die Gesellschaft, die Regeln vorgibt und die Lebensinteressen der Organisationen berührt.
  • Bei der Beschreibung von Organisationen und der Entwicklung von Modellen, wie sie zu führen und zu gestalten sind, waren lange mechanistische Herangehensweisen tonangebend.  Eingriffe in Organisationen erfolgten zumeist auf einer Ebene – wenn etwa der Aufbau von Unternehmen verändert wurde – und berücksichtigte nicht, welche Auswirkungen dies auf andere Ebenen eintraten.  Die systemische Organisationsentwicklung geht davon aus, dass stets das Ganze zu betrachten ist, und die Reaktionen der Elemente einbezogen werden muss, wenn Eingriffe die gewünschten Wirkungen entfalten sollen.
  • Praktisch gelingt das, indem die Weiterentwicklung der Organisation mit den Beteiligten zusammen bearbeitet wird. Nicht im standardisierten Eingriff von außen, sondern in der Entfaltung der internen Kräfte wird die Chance zu dynamischer und beständiger Weiterentwicklung gesehen. Zur Gestaltung dieser Prozesse bietet die systemische Organisationsentwicklung ebenso einfache wie wirksame Tools, die so eingesetzt werden, dass die Organisationsangehörigen deren Nutzung dabei erlernen. So können sie die erworbenen Fähigkeiten für zukünftige Entwicklungen selbst einsetzen. Es werden also keine Konzepte übergestülpt und alle eingesetzten Methoden werden an die Organisation ver­mittelt.  Auf diese Weise entsteht ein komplexer Lernzusammenhang, der alle einbezieht und der Or­ganisation so zu nachhaltigem Wachstum verhilft. 
  • Wie der Wald sich im Gleichgewicht befindet, wenn alle vitalen Lebensinteressen seiner Elemente berücksichtigt werden, so entwickelt eine Organisation ihre höchste Leistungsfähigkeit, wenn die Beteiligten sich entfalten und das Ganze mitgestalten können. So verstanden ist Partizipation kein ideologisch gefärbter Begriff eines diffusen Miteinanders, sondern notwendiger Bestandteil gesunder systemischer Entwicklung von Organisationen.